Vom Zeitsoldaten zum Medizinstudenten

Von langer Hand geplant: Hauptfeldwebel Tom Butters berichtet von seiner Rückkehr in das zivile Berufsleben und seinem Medizinstudium ohne Abitur über den Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD).


Nach zwölf Jahren Dienstzeit als Hauptfeldwebel haben Sie ein vom BFD gefördertes Studium der Humanmedizin begonnen. Schildern Sie doch bitte einmal Ihren nicht ganz alltäglichen Weg vom Zeitsoldaten zum Medizinstudenten?

Medizin zu studieren war schon immer ein lang gehegter Wunsch von mir. Bereits während meiner Ausbildung zum Krankenpfleger habe ich mich sehr dafür interessiert. Doch leider konnte ich damals die notwendigen Studienvoraussetzungen nicht erfüllen und musste von meinem Ziel erst mal Abstand nehmen. Hinzu kommt, dass ich noch meinen Wehrdienst in der Bundeswehr ableisten musste und deshalb auch nach der bestandenen Prüfung zum Krankenpfleger keine weiteren Schritte in Richtung Studium unternommen habe. Meine Absicht war es nach dem Wehrdienst die allgemeine Hochschulreife an der Abendschule nachzuholen und im Anschluss ein Medizinstudium aufzunehmen. Doch wie so oft im Leben kam dann alles anders als geplant, da ich mich nach sechs Monaten Dienstzeit als Zeitsoldat verpflichtete. Deshalb habe ich mich, wie Sie sich sicherlich denken können, in den folgenden Monaten voll auf meine militärische Karriere konzentriert.

Dennoch ließ mich der Gedanke Humanmedizin zu studieren nicht los und nach ungefähr vier Dienstjahren packte mich erneut das Interesse. Ich erkundigte mich nach Abendschulkursen zum Erlangen der allgemeinen Hochschulreife und im Rahmen einer intensiven Recherche im Internet bin ich zufällig auf eine äußerst interessante Möglichkeit gestoßen auch ohne Abitur ein Studium beginnen zu können. Natürlich hat dies sofort meine Aufmerksamkeit geweckt, so dass ich mich darauf hin an der Universität Gießen für die so genannte „Hochschulzugangsprüfung" beworben habe. Allerdings war der erste Anlauf leider erfolglos, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die geforderten vier Jahre Berufserfahrung in der Krankenpflege verfügte. Doch von diesem kleinen Rückschlag habe ich mich nicht entmutigen lassen und im Jahr 2005 einen weiteren Versuch gewagt. Zum Glück ging dann beim zweiten Anlauf alles glatt, so dass meine Bewerbung schließlich angenommen wurde.

Es folgte daraufhin die eigentliche Zulassungsprüfung, die ich im darauf folgenden Jahr erfolgreich absolvieren konnte. Von dem Ergebnis beflügelt habe ich einen Laufbahnwechsel zu den Sanitätsoffizieren beantragt, was aber leider letztlich nicht geklappt hat. Mir wurde recht schnell der Wind aus den Segeln genommen in dem man mir unverblümt mitteilte, dass ich als 25-Jähriger ja quasi schon zum alten Eisen gehören würde und für das Studium der Humanmedizin bei der Bundeswehr nicht mehr in Frage käme. Allerdings wurde mir durch diese Angelegenheit endgültig klar, dass ich auf jeden Fall studieren möchte. Auf meine erstmalige Bewerbung für einen Studienplatz an einer zivilen Hochschule habe ich natürlich wie nicht anders zu erwarten einen Ablehnungsbescheid erhalten. In dem Schreiben wurde bei meiner Durchschnittsnote eine geschätzte Wartezeit von rund sechs Jahren angegeben. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch als Soldat auf Zeit für 8 Jahre verpflichtet war, habe ich die Wartezeit zum Anlass für eine Weiterverpflichtung auf 12 Jahre genommen. Daraus hat sich aber noch ein weiterer großer Vorteil für mich ergeben. Denn durch die längere Dienstzeit konnte ich während der Wartephase auf den Studienbeginn weiterhin mein Einkommen beziehen und obendrein noch auf deutlich bessere BFD-Ansprüche zurückgreifen. Letztlich hat sich meine Geduld und der lange Atmen ausgezahlt, da ich im Jahr 2011 aufgrund meiner vielen Wartesemester endlich mein lang ersehntes Medizinstudium beginnen und quasi von der Kaserne an die Uni Gießen wechseln konnte.

Was mussten Sie seinerzeit überhaupt alles machen, um ohne Abitur Medizin studieren zu können?

Normalerweise muss man für den Studiengang Medizin die allgemeine Hochschulreife mitbringen. Um aber trotzdem auch ohne Abitur ein Medizinstudium aufnehmen zu können, kann man wie bereits erwähnt eine so genannte „Hochschulzugangsprüfung" ablegen. Leider sind hierfür weitere Voraussetzungen nötig, die man vor der Zulassung zur Prüfung zwingend vorzuweisen hat. So muss der Bewerber einen Beruf im Gesundheitswesen erlernt und für entsprechende Zeit im erlernten Beruf gearbeitet haben. Daneben muss man zusätzlich verschiedene Fort- und Weiterbildungen nachweisen können. Dies war für mich damals glücklicherweise kein größeres Problem, da ich während meiner aktiven Dienstzeit diverse Lehrgänge im Sanitätsdienst absolviert und an den geforderten Weiterbildungen teilgenommen habe. Da die Zulassungsvorrausetzungen für die Hochschulzugangsprüfung jedoch Ländersache sind, können sie von Bundesland zu Bundesland ein wenig variieren. Daher muss man sich bei Interesse im Vorfeld genau damit beschäftigen, um so die optimale Uni für sich zu finden.

Also war Ihre medizinische Ausbildung im Sanitätsdienst von besonderer Bedeutung für Ihren jetzigen Karriereweg?

Natürlich, denn dies war einer der größten Knackpunkte für mein Studium! Insbesondere von meinen Verwendungslehrgängen konnte ich bei der Bewerbung für die Hochschulzugangsprüfung unheimlich profitieren. Die bei der Bundeswehr absolvierten Ausbildungen zum Rettungssanitäter sowie zum Desinfektor und technischen Sterilisationsassistenten wurden von der Uni ohne Probleme als entsprechende Fortbildungen anerkannt und waren somit ziemlich hilfreich für das weitere Zulassungsverfahren. Darüber hinaus ist es natürlich gerade für ein Medizinstudium äußerst nützlich, dass ich bereits praktisch im medizinischen Bereich tätig gewesen bin und dort zahlreiche wichtige Erfahrungen sammeln konnte.

Ich kann mir vorstellen, dass schon Ihre damalige Ausbildung zum Rettungssanitäter nicht einfach war. Aber ein Medizinstudium ist noch mal ein ganz anderes Kaliber. Wie gut kommen Sie denn bisher mit den Anforderungen an Ihr Studium zurecht?

Ich habe mittlerweile das zweite Semester erfolgreich beendet und kann auf jeden Fall sagen, dass das Studium unheimlich zeitaufwendig ist. Besonders die Grundlagenfächer können einen schon gleich zu Beginn ganz schön ins Schwitzen bringen. Dabei war für mich in den ersten beiden Semestern das Fach Physik die größte Hürde. Schließlich liegt mein Physik-Schulunterricht schon einige Jahre zurück, so dass ich hier anfangs mit deutlichen Defiziten zu kämpfen hatte, die nur mit einem hohen Zeitaufwand zu bewältigen waren. In anderen Bereichen kann ich zum Glück auf meine Krankenpflegeausbildung sowie die Erfahrungen aus meiner Bundeswehrzeit zurückgreifen. Durch meine Vorkenntnisse habe ich beispielsweise im Fach Anatomie den Lernaufwand ein wenig reduzieren können. Trotzdem bin ich guter Dinge und sehe weiterhin positiv in die Zukunft. Wenn das Studium so weiter läuft wie bisher, hoffe ich den Abschluss in der Regelstudienzeit zu schaffen.

Welchen konkreten Vorteil hat es Ihnen gebracht, dass Sie an der Hochschule eine spezielle Hochschulzugangsprüfung absolviert haben?

Wie schon erwähnt, benötigt man für das Studienfach Humanmedizin als Zugangsvoraussetzung das Abitur. Um dieses aber auf dem zweiten Bildungsweg zu erlangen sind in der Regel drei Jahre Abendschule notwendig. Das hat zwar den Vorteil, dass man nicht auf eine bestimmte akademische Ausbildung beschränkt ist, aber gerade mit einer Familie ist das nicht ohne. In der Abendschule muss man schließlich mehrmals die Woche bis spät abends die Schulbank drücken und außerdem das eine oder andere Wochenende opfern. Sofern man die übrigen Voraussetzungen erfüllt kann man sich dank der Hochschulzugangsprüfung theoretisch die Zeit sowie die erforderlichen BFD-Mittel sparen. Allerdings ist die Zugangsprüfung nicht zu unterschätzen. Zur Vorbereitung sollte man nämlich je nach vorhandenen Vorkenntnissen ungefähr drei Monate lang täglich lernen, um sich geistig fit zu machen und wieder in den Stoff zu kommen. Das ist zwar ebenfalls nicht ganz einfach, aber wenn man es schafft, dann kann man dadurch satte drei Jahre gewinnen. Welche Variante besser ist, dass muss am Ende aber jeder für sich selbst entscheiden.

Und wie hat die Prüfung bei Ihnen ausgesehen?

Das war eine ziemlich umfangreiche und knackige Prüfung, die insgesamt aus zwei großen Blöcken bestanden hat. In einem dreistündigen schriftlichen Teil wurden zunächst die Fächer Deutsch, Chemie, Physik und Biologie sowie Fragen aus einem ehemaligen Test für Mediziner abgeprüft. Dem folgte im Anschluss noch eine einstündige mündliche Prüfung über die gerade aufgezählten Themenbereiche. Auch hier mussten wir gezielt Fragen zu den einzelnen Fächern beantworten.

Medizin ohne Abitur zu studieren ist schon recht einzigartig. Gab es da eigentlich Probleme mit der Förderung durch die zuständigen BFD-Berater?

Hier gab es bei mir nicht die geringsten Schwierigkeiten. Der Berater des Berufsförderungsdienstes in Köln war zum Glück von Anfang an auf meiner Seite und hat mein Vorhaben die ganze Zeit mit unterstützt. Die Zusammenarbeit war top und so wurden mir selbst die Kosten für die Hochschulzugangsprüfung bewilligt, was bei näherer Betrachtung keine Selbstverständlichkeit gewesen ist.

Und in welcher Form werden Sie jetzt vom BFD im Zuge Ihres Studiums unterstützt?

Die Unterstützung ist rein finanzieller Art. So werden vom BFD neben der Semestergebühr auch die wichtigsten Kosten für das Studium übernommen. Aus diesem Grund habe ich für die ersten fünf Jahre eine Pauschale in Höhe von 2000 Euro bezahlt bekommen, die vermutlich das gesamte Hauptstudium abdecken wird. Auf jeden Fall sollte man über dieses Thema möglichst frühzeitig mit seinem zuständigen BFD-Berater sprechen.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, sich möglichst frühzeitig mit der Thematik „Wiedereingliederung ins Zivilleben" zu befassen?

Sich so früh wie möglich über den Wiedereinstieg zu informieren ist einer der größten Garanten für einen späteren Erfolg. Wie ich es ja bereits an meinem eigenen Fall geschildert habe hat mir letztlich nur die lange Wartezeit bei der Zuweisung meines jetzigen Studienplatzes geholfen. Dazu sollte man wissen, dass man bei einer Abiturnote von schlechter als 2,0 bei bestimmten Universitäten im schlimmsten Fall bis zu sechs Jahren warten muss. Wer hier keine Bestnote vorzuweisen vermag sollte sich also mit einem entsprechenden zeitlichen Vorlauf darum kümmern. Schließlich schadet es im Hinblick auf mögliche Wartefristen nicht noch bei der Bundeswehr in Lohn und Brot zu stehen. Wer hier clever und vorausschauend plant, hat die besten Chancen nahtlos in ein Studium, eine andere Ausbildung oder gar gleich zu einem zivilen Arbeitgeber wechseln zu können.

Welche persönlichen Ratschläge können Sie abschließend noch allen Kameraden mit auf den Weg geben, die sich vielleicht ebenfalls für ein Studium ohne Abitur interessieren?

Wenn man sich wirklich absolut sicher ist, dass nur das eine Studienfach für einen in Frage kommt, dann ist eine Hochschulzugangsprüfung meiner Meinung nach der sinnvollste Weg. Über die jeweils gültigen Zulassungsvoraussetzungen muss man sich aber im Vorfeld genauestens informieren, damit später keine bösen Überraschungen in Form von zusätzlichen Nachweisen, Fortbildungen oder Abschlüssen auftauchen. Außerdem sollte man sich unbedingt im Klaren darüber sein, dass die BFD-Ansprüche während der Dienstzeit ganz gezielt dafür genutzt werden müssen, um sich bereits von vorn herein so gut wie möglich auf das entsprechende Wunschstudium „einzuschießen". Denn letztlich ist es bis zu einem akademischen Abschluss ein echt steiniger Pfad, den man nur bestmöglich vorbereitet beschreiten sollte. Außerdem braucht man einen langen Atem und sollte sich von möglichen Rückschlägen nicht abschrecken lassen. (sg)

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Interviewt am von Stefan Geßner in der Kategorie: Ehemalige Zeitsoldaten berichten

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5 Kommentare zum DZE-Interview: "Vom Zeitsoldaten zum Medizinstudenten"

  1. Svenja Tabolt |

    Whow! Ganz großen Respekt für den Kameraden! Studium ohne Abitur und dann auch noch Medizin, wahnsinn!

  2. Daniel |

    Guten Tag, ich bin in einer ähnlichen lage und strebe auch das Medizinstudium an. Wär toll sich mal miteinander kurzzuschliessen! ;-) (E-Mail gelöscht) Gruss D.

  3. DZE-Team |

    Hallo Daniel! Vielen Dank für Ihren Kommentar. Aus Gründen des Datenschutzes haben wir Ihre E-Mail aus dem Kommentar gelöscht. Wir leiten diese aber gerne an Herrn Butters weiter! Viel Erfolg bei Ihrem geplanten Medizinstudium! Felix vom DZE-Team

  4. Daniel |

    Danke, das würde mich freuen!:-)

  5. Tom Butters |

    Es ist vollbracht

 
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