Neue Wege beschreiten

Sich beruflich komplett neu ausrichten: Stabsunteroffizier d.R. Marcel Neubert und der Geschäftsführer der Plettenbergschule Benjamin Haenle im Interview über die Ausbildung zum Physiotherapeuten.

Herr Neubert, was waren Ihre Gründe sich beruflich neu auszurichten und eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu beginnen?

NEUBERT: Weil es in meinem erlernten Beruf keine wirklichen Jobchancen gab, wuchs in mir der Entschluss, mich beruflich anderweitig zu orientieren. Da ich gerne mit Menschen zu tun habe, war für mich eigentlich klar, dass es für mich nach dem Dienstzeitende in die soziale Richtung gehen sollte. Nach langem Suchen und Informieren entschied ich mich dann für die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Denn so kann ich anderen Menschen helfen und habe zudem echt gute Perspektiven.

Können Sie auf die Ausbildung an der Plettenbergschule einmal etwas näher eingehen?

HAENLE: Wir sind eine Berufsfachschule des Gesundheitswesens und haben uns ausschließlich auf die Physiotherapie spezialisiert. Durch unsere überschaubare Größe von 150 Schülerinnen und Schülern kann ein sehr persönliches Verhältnis zwischen Teilnehmern und Dozenten gewährleistet werden. Unsere Lehrer arbeiten neben der Schule noch als Therapeuten oder Ärzte in zumeist eigenen Praxen und vermitteln daher ein fundiertes Praxiswissen.

NEUBERT: Die Ausbildung zum Physiotherapeuten dauert drei Jahre und umfasst 2.900 Stunden theoretischen und praktischen Unterricht. Dazu kommen noch 1.600 Stunden Praktikum, das an Kliniken oder in anderen geeigneten Einrichtungen abgeleistet wird. Im ersten halben Jahr findet ausschließlich Vollzeitunterricht an der Schule statt. Anschließend beginnt in Blöcken das Praktikum, was zwei Jahre lang immer abwechselnd acht Wochen Schule und acht Wochen praktische Anteile bedeutet. Das letzte halbe Jahr wird dann wieder als Vollzeitunterricht an der Schule durchgeführt. Eine Unterrichtseinheit entspricht übrigens 45 Minuten. Auf dem Lehrplan stehen dabei unter anderem Anatomie, Physiologie, Physik und Biomechanik, Trainingslehre und Bewegungslehre, um nur einige Themengebiete zu nennen. Als krönender Abschluss der dreijährigen Ausbildung folgt das Staatsexamen, nach dessen Bestehen man staatlich geprüfter Physiotherapeut ist.

Welche Fähigkeiten muss man Ihrer Meinung nach überhaupt mitbringen, um ein erfolgreicher Physiotherapeut werden zu können?

NEUBERT: Meines Erachtens sollte man den Umgang mit Menschen mögen und vor allem viel Bereitschaft zum Lernen und Weiterbilden mitbringen.

HAENLE: Die Aussage von Herrn Neubert kann ich so nur unterstreichen. Denn der qualifizierte Umgang mit dem Patienten hat in der Tat einen sehr großen Anteil am Behandlungserfolg. Zudem ist das von den Schülern zu absolvierende Lernpensum gerade am Anfang der Ausbildung sehr umfangreich. Hier sollte man sich nicht entmutigen lassen und die Zähne zusammenbeißen. Wichtig ist aber in jedem Fall, dass man eine große eigene Begeisterungsfähigkeit für den angestrebten Beruf aufbringen kann.

Herr Neubert, mit welchem Eindruck haben Sie zu Ausbildungsbeginn wieder zwischen zivilen Mitschülern gesessen?

NEUBERT: Die Umstellung war für mich absolut problemlos. Ganz im Gegenteil. Nach so einer langen Zeit bei der Bundeswehr wieder im zivilen Leben zu stehen war für mich ein sehr gutes Gefühl. Als ehemaliger Soldat hatte ich keinerlei Schwierigkeiten mich in die Lerngruppe einzufügen und neue Kontakte zu knüpfen.

Was hat Ihnen an Ihrer Ausbildung an der Plettenbergschule ganz besonders gefallen?

NEUBERT: Besonders klasse ist die lockere Art der Ausbildung, die trotz der entspannten Atmosphäre stets auf hohem fachlichem Niveau durchgeführt wurde. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das gute „Klima" zwischen Lehrern und Schülern. Man konnte jederzeit auf die Dozenten zugehen und bei kleineren und größeren Problemen eine gemeinsame Lösung finden.

Welchen Stellenwert hat der Wechsel zwischen den Unterrichten und dem praxisnahen Einsatz in einer physiotherapeutischen Einrichtung?

NEUBERT: Das war für mich sehr wichtig, da man in den praktischen Ausbildungsanteilen das theoretisch Erlernte in die Tat umgesetzt konnte und sich dadurch die eigenen Kenntnisse spürbar verfestigt haben. Darüber hinaus war es eine willkommene Abwechslung, um mal aus den vielen theoretischen Unterrichtseinheiten raus zukommen.

HAENLE: Die Schüler kommen immer wieder sehr motiviert aus dem Praktikum und stellen im Anschluss deutlich konkretere Fragen. Außerdem können sie ihr in der Praxis erworbenes Wissen gut in die folgenden Unterrichtsabschnitte einbringen. Zudem erfahren sie an den Praktikumseinrichtungen, dass sie als angehende Physiotherapeuten einen sehr sinnvollen Beruf ausüben und anderen Menschen wirklich helfen können.

Herr Neubert, welche persönlichen Erfahrungen haben Sie im Rahmen Ihres bisherigen Kontakts mit dem Berufsförderungsdienst (BFD) machen können?

NEUBERT: Bisher habe ich nur gute Erfahrung mit dem BFD gemacht und die Zusammenarbeit ist bisher reibungslos verlaufen. Allerdings habe ich auch von anderen Kameraden gehört, bei denen die Unterstützung seitens des BFD nicht ganz so gut geklappt hat.

Die Kosten Ihrer Ausbildung konnten ja vom BFD nicht zur Gänze übernommen werden. Wie finanzieren Sie dann eigentlich die restlichen Schulungsgebühren?

NEUBERT: Wie schon erwähnt hatte ich mich umfassend über die Ausbildung zum Physiotherapeuten informiert. Dank meiner rechtzeitigen Planung und der Kenntnis der finanziellen „Lücke" konnte ich entsprechend früh reagieren. So habe ich die verbleibenden Schulungsgebühren bereits vor meiner Ausbildung angespart und die Summe aus der eigenen Tasche gezahlt.

Herr Haenle, wie bewerten Sie die Zukunftsperspektiven in der Gesundheitsbranche?

HAENLE: Bedingt durch den medizinischen Fortschritt und die Überalterung der Bevölkerung steigen Behandlungsmöglichkeiten und Behandlungsbedarf stetig an. Zudem haben viele Menschen einen immer größer werdenden Anspruch an die eigene Gesundheit. Wegen der stetigen Zunahme des medizinisch Machbaren bleibt natürlich auch der Beruf dauerhaft interessant und abwechslungsreich. Im Übrigen ist die Gesundheitsbranche während der letzten Wirtschaftskrise überaus stabil geblieben. Zumal die Gefahr der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland quasi ausgeschlossen werden kann. Da der Gesundheitsmarkt jährlich um fünf Prozent wächst kann er mit Recht zu den Boombranchen Deutschlands gezählt werden. Deshalb ist die Schule momentan auch nicht in der Lage die Nachfrage nach Berufseinsteigern abzudecken.

Bitte geben Sie noch einen Tipp, wie man nach dem Dienstzeitende möglichst reibungslos in die persönliche Aus- und Weiterbildung starten kann?

NEUBERT: Zum einen sollte man die angebotenen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen nutzen und die eigenen BFD-Ansprüche auf jeden Fall voll ausschöpfen. Zum anderen ist für eine gute Planung die frühzeitige Kontaktaufnahme zum BFD wichtig. Darüber hinaus sollte man die Karriereperspektiven seines früheren Berufs genauestens unter die Lupe nehmen und dort die eigenen Jobchancen kritisch bewerten. Sofern man da keine adäquate Stelle mehr finden kann, muss man gegebenenfalls auch den Mut haben, sich beruflich komplett neu zu orientieren.  (sg)

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Interviewt am von Stefan Geßner in der Kategorie: Weiterbildung nach der Bundeswehr

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