In der Reserve zu Hause

Erfolgreich im Beruf und engagiert als Reservist: Oberstleutnant d.R. Bernhard Kempf schildert seinen ganz persönlichen Weg zurück in die Wirtschaft und erklärt die große Bedeutung der Reservistenarbeit.

Als ehemaliger Zeitsoldat haben Sie nach Ihrer Dienstzeit erfolgreich ins Zivilleben zurück gefunden. Würden Sie bitte Ihren persönlichen Weg einmal kurz schildern?

Mein Ziel war es immer Berufssoldat zu werden. Deshalb bin ich fast in ein schwarzes Loch gefallen, als es mit der Übernahme nicht geklappt hat. Mir war klar, dass ich im Arbeitsfeld meines Studiums nicht weitermachen, sondern eher in den Bereich Pressearbeit wechseln wollte. Da hier aber die zivile Konkurrenz deutlich bessere Voraussetzungen in Form von breiter angelegten Studienabschlüssen, Praktika oder Volontariate mitbringt, habe ich mir da nur wenige Chancen ausgerechnet.

Und wie schwer ist Ihnen dann der Sprung in die freie Wirtschaft gefallen?

Wenn ich ganz offen bin - mental ziemlich schwer. Es fehlte mir die klare Organisations- und Befehlsstruktur und die Zusammenarbeit mit Menschen, die ähnlich ausgebildet wurden wie ich. Denn es ist schon irgendwie eine andere Welt. Die anfänglichen Probleme waren eher belustigend. So musste ich mir erst mal ausreichend Zivilbekleidung für den Arbeitsalltag kaufen. Auch heute noch empfinde ich vieles in der Wirtschaft als chaotisch und unprofessionell, was aber damit zusammenhängt, dass die meisten Führungskräfte irgendwie nicht auf ihre Führungsrolle vorbereitet zu werden scheinen. In der Firma habe ich, so hat es zumindest mein damaliger Teamleiter ausgedrückt, eingeschlagen wie eine Bombe. Man war sehr überrascht, dass ich meinen Job als Netzwerk- und Systemadministrator im First-Level-Support deutlich unterhalb von drei Monaten im Griff hatte. Sehr positiv empfand man meine gründliche Arbeitsweise und meine Fähigkeit mit- und vorauszudenken. Und das, obwohl ich „nur" den Status eines „Praktikanten" hatte. Fundierte Vorschläge und Lösungsansätze zu bekommen war man so wohl nicht gewöhnt und auch nicht, dass ein Mitarbeiter die gesamte Breite des „Gefechtsfeldes" im Blick hat. Das heißt auch mal beim linken und rechten Nachbarn nach dem Rechten zu schauen. Da haben sich meine zweieinhalb Jahre als S3 Offizier in einer selbstästndigen Einheit einfach bezahlt gemacht.

Sind Sie durch Ihren Berufsförderungsdienst (BFD) damals ausreichend unterstützt worden?

Zuerst nicht. Bei meinem ersten Kontakt lag mein Dienstzeitende noch in weiter Ferne. Der Berater schien mir relativ ratlos und unterbreitete mir das Angebot mich zum Autoverkäufer ausbilden zu lassen. Das habe ich kaum glauben können und den Kontakt abgebrochen. Zwei Jahre vor dem DZE hatte ich immer noch keine richtige Idee, kannte aber den neuen BFD-Berater noch aus meiner Jugendzeit. Er wusste von meiner Affinität zu Computerthemen. So kam dann irgendwann eine Email von ihm über ein neues Programm, an dem der BFD in Baden-Württemberg in Verbindung mit Hewlett-Packard Deutschland dran war. Es handelte sich um ein Programm für ausscheidende SaZ 12 - Unteroffiziere und beinhaltete eine von Hewlett-Packard Education begleitete Ausbildung zum Microsoft Certified System Engineer (MCSE) für Windows 2000 in Verbindung mit einem 18 monatigen Praktikum bei einem IT-Unternehmen. Man war während des Praktikums voll in der jeweiligen Firma integriert und nur für die insgesamt sechs Seminarwochen bei Hewlett-Packard. Das war eine gute Gelegenheit sich bei einem potentiellen Arbeitgeber zu beweisen. So war es dann auch bei mir. Ich habe die Praktikumszeit auf 15 Monate verkürzt und sofort eine Festanstellung in der Firma bekommen. So ging es im Übrigen allen meinen Kameraden in diesem Programm, wobei ich der einzige Offizier war, der das Programm nach dem Ausscheiden durchgezogen hat. Im Gegensatz zu den anderen musste ich aber leider ein Drittel der Ausbildung aus der eigenen Tasche bezahlen.

Was war Ihrer Meinung nach die größte Hürde, die Sie bei Ihrem Wiedereinstieg überwinden mussten?

Große Hürde - ich habe keine Wahrgenommen, um ehrlich zu sein. Ich habe einfach so gearbeitet, wie ich es in meiner Militärzeit gewohnt war und habe mich damit scheinbar sehr positiv von meinem Arbeitsumfeld abgehoben.

Haben Ihnen denn dabei Ihre militärischen Erfahrungen und die Ausbildungen als Soldat geholfen?

Ja, außerordentlich. Es ist so leicht Verfahren aus dem Dienstbetrieb im zivilen Bereich mit einem unglaublichen Benefit zu nutzen. Ich denke anders, ich formuliere anders, ich analysiere anders. Meine Vorgesetzten schätzen meine Art der Kommunikation in Umfang, Inhalt und bezüglich der klar strukturierten Denk- und Formulierungsweise. Hinzu kommt einfach die Fähigkeit zu Organisieren, was viele im Zivilleben nicht unbedingt so gut können. Schließlich haben wir das bei der Bundeswehr gelernt. Hinzu kommt die Fähigkeit auf wechselnde Lagen schnell, ruhig und folgerichtig reagieren zu können.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit in meiner ersten Firma, als um 13 Uhr der Anruf kam, dass jemand wegen eines IT-Notfalls nach Madrid fliegen müsste. Allerdings sollte der Flieger schon drei Stunden später losgehen. Im Team gab es eine heiße Diskussion warum das nicht gehe würde. Ich habe meinen Teamleiter damals nur angeschaut und gesagt „Ich brauche eine Stunde um kurz zuhause etwas zusammenpacken." Das hat meinen Chef damals mächtig beeindruckt - der Praktikant macht das einfach und kriegt es auch noch hin. Für mich war das einfach normal - für den Rest der Firma scheinbar nicht.

Wie wichtig ist eigentlich eine fundierte Sprachausbildung für den beruflichen Erfolg?

Englisch ist heute ein Muss im zivilen wie auch im militärischen Umfeld. Mein erster Arbeitgeber war ein Mittelständler mit Geschäftsstellen in fast ganz Europa sowie in Dubai. Mein jetziger Arbeitgeber ist ein weltweit aufgestelltes amerikanisches Unternehmen. Die Arbeitssprache ist da nun mal einfach Englisch. Gerade in der IT Branche kommt es darüber hinaus oft vor, dass Dokumentationen, Handbücher oder Support-Websites nicht auf Deutsch verfügbar sind. Ich kann deshalb nur jedem raten, sein Sprachleistungsprofil mit 3332 zu machen und seine Englischkenntnisse zu pflegen. Ich hatte 4343 und habe anfangs doch ganz schön geschluckt. Jede zusätzliche Sprachkenntnis, die man mitbringt, erhöht den Marktwert und die Einstellungschancen.

Sie sind heute noch sehr in der Reservistenarbeit aktiv. Was sind Ihre Beweggründe?

„Ehrenamt hat mit Ehre wenig zu tun" ist einer unserer geflügelten Sprüche in der Vorstandsarbeit. Natürlich bedeutet das zusätzliche Arbeit und Belastung, von der vielen geopferten Zeit mal gar nicht zu reden. Aber ich finde es wichtig unseren aktiven Kameraden den Rücken zu stärken und daher ist die Multiplikatorenarbeit extrem wichtig. Weiterhin brauchen wir immer wieder Ausbilder, die in der Reservistenausbildung helfen die nichtaktiven Kameraden auf aktuellem Stand zu halten. Nicht nur vom Handwerkszeug her, sondern auch für das, was in der Truppe läuft. Frischer Wind und neue Ideen sind unabdingbar um sich weiterzuentwickeln. Sowohl als Verein wie auch als Organisation oder Individuum.

Ich habe auch festgestellt, dass dieser Austausch untereinander zwischen aktiven und nichtaktiven Soldaten sehr wichtig ist. In meinen unzähligen Gesprächen während meiner Wehrübungen stelle ich sehr oft fest, dass meine aktiven Kameraden ein falsches Bild von der zivilen Arbeitswelt haben. Gerade hier kommt es darauf an, als Mutliplikator in die Streitkräfte zu wirken, um hier Enttäuschungen vorzubeugen.

Welche Möglichkeiten bieten sich denn ehemaligen Soldaten auf Zeit, um sich auch nach der Dienstzeit für die Bundeswehr engagieren zu können?

Die Bundeswehr ist auf Reservisten angewiesen, weniger im Auslandseinsatz, als vor allem im Grundbetrieb zu Hause. Insbesondere dann, wenn die Dienstposteninhaber im Urlaub oder Einsatz sind. Gerade diese Spiegeldienstposten haben das Reservistendasein aus meiner Sicht deutlich interessanter gemacht. Aber man muss dann auch regelmäßig üben, um mit den Aktiven Schritt zu halten. Als Vertretung ist man vollwertig im Dienstbetrieb eingebunden und wird auch so gefordert. Der große Vorteil ist dann aber, dass man aus dem Zivilberuf andere Erfahrungen und Blickwinkel mitbringen kann.

Parallel dazu halte ich es für sehr wichtig sich in der beorderungsunabhängigen freiwilligen Reservistenarbeit einzubringen. Im Reservistenverband suchen wir immer gute Leute, die auch bereit sind ein Mandat zu übernehmen. Wir leisten einen wichtigen Beitrag für die Streitkräfte als Multiplikatoren in der Gesellschaft. Ich werde oft angesprochen und gebeten Zusammenhänge zu erklären, insbesondere in der Firma. So bin ich Lobbyist im besten Sinne für meine aktiven Kameraden und kämpfe gegen das „wohlwollende Desinteresse" an.

Welche Ratschläge würden Sie den Kameraden mit auf den Weg geben, die jetzt aktuell an der Schwelle zurück ins zivile Berufsleben stehen?

Auf jeden Fall sich frühzeitig Gedanken darüber machen, wie man nach der Bundeswehrzeit weitermachen will. Ich wünschte mir „Dienstzeitende.de" hätte es damals schon gegeben. Das hätte mir vieles erleichtert. Sofern es möglich ist, sollte man versuchen ein offenes Verhältnis mit dem BFD-Berater aufbauen. Denn das ist fast wie beim Arzt. Nur wenn er das komplette Lagebild hat, kann er vernünftig beraten und helfen. Zudem verwendet die Bundeswehr viel Zeit und Geld darauf uns Rüstzeug, Werte und Verfahren beizubringen. Diese lassen sich auch sehr leicht im Zivilleben anwenden und dann hat man sehr schnell die Nase vorn. Zivile Mitbewerber habe diese Ausbildung ja natürlich nicht. Allerdings muss man in der freien Wirtschaft auch weiterhin Engagement und Einsatzbereitschaft zeigen. Wer das nicht versteht, kommt auch im Zivilleben nicht weiter. Letztlich hilft es auch ungemein, wenn man ein sauberes Lagebild für den neuen Job und insbesondere vom Gehalt erstellt. Mit dem Einstiegsgehalt steht und fällt alles. Liegt man zu hoch, kriegt man den Job nicht, liegt man zu tief, kann das bedeuten, jahrelang weniger zu verdienen als man Wert ist.

Abschließend hätte ich noch eine sehr persönliche Frage. Sie wären damals gerne Berufssoldat geworden. Bereuen Sie manchmal es nicht geworden zu sein?

Sehr oft. Mein Motto war immer „Soldat sein ist kein Beruf sondern eine Lebenseinstellung"! Mein Herz hängt immer noch am Soldatenberuf. Für mich ist jede Wehrübung mit dem Gefühl verbunden wieder nach Hause zu kommen und ich bin gerne Soldat. Nicht umsonst „opfere" ich jedes Jahr fast meinen gesamten Erholungsurlaub für die Bundeswehr. Von den unzähligen Wochenenden für die beorderungsunabhängige, freiwillige Reservistenarbeit  und die Arbeit im Reservistenverband reden wir da lieber erst gar nicht.

Weh tut mir nur immer die Frage von aktiven Kameraden und Vorgesetzten, warum denn ein Leistungsträger wie ich (deren Einschätzung!) nicht Berufssoldat geworden ist. Das reißt immer noch, so schmeichelhaft diese Bemerkungen auch sind, alte Wunden auf und bringt wieder die Wut hoch über das was damals gelaufen ist. Aber das ist eine andere Geschichte und ändern lässt es sich auch nicht. Wie heißt es so schön: „Leben ist das was passiert, während man dabei ist Pläne zu schmieden". Ich würde mir nur wünschen, dass die Arbeitgeber uns Reservisten mehr unterstützen würden. Mein Arbeitgeber toleriert mein Treiben zwar, aber nur solange dies im Urlaub stattfindet.  (sg)

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Interviewt am von Stefan Geßner in der Kategorie: Ehemalige Zeitsoldaten berichten

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